Digitales Fasten. Bericht eines Ex-Junkies.

Digitales Fasten. Bericht eines Ex-Junkies.

Was sind das eigentlich für Leute, die mit ihrem digitalen Fasten mindestens sich selbst, wenn nicht gar die ganze Welt retten wollen? Aussteiger, vom Burnout geplagte Digitalnomaden oder verwöhnte Hipster auf der Suche nach dem nächsten großen Kick und Lifestyle-Ding?

Genau das wollte der Autor dieses Artikels wissen und nebenbei aus seiner Not eine Tugend machen. Was ist passiert? Das eigene Smartphone war vom einen auf den anderen Tag verschwunden und mit ihm das kleine, magische blaue Licht des smarten Androiden im Hosentaschenformat. Weg waren die Verlockungen der Lifestyle-Apps sowie ungezählter Push-Nachrichten, die unsere Sinne verführen und unsere Aufmerksamkeit fest im Griff haben. Weg war die Ablenkung, die uns sonst so zuverlässig die Monotonie unseres Alltags vergessen lässt. 

Als mein kleiner smarter Held verschwunden war, wurde mir schlagartig klar, wie oft ich täglich auf das Telefon schaue. Studien haben gezeigt, dass der durchschnittliche Smartphone-Nutzer etwa 2.617 Mal pro Tag mit dem Bildschirm interagiert. Erschrocken über mein eigenes Verhalten und diese Zahlen fasste ich einen radikalen Entschluss: In Zukunft wollte ich voll und ganz auf meinen kleinen Androiden verzichten. Denn ich war mir einfach nicht mehr sicher, wer hier wen in der Hand hat.

Was folgte, waren fünf Phasen der Trauer, des Größenwahns und der Ernüchterung.

Bye-bye Smartphone, du Freude meines Lebens

Doch schon der Start meiner Abstinenz stand unter keinem guten Stern. Ständig suchte ich die Nähe meines verlorengegangenen kleinen Gefährten. Doch da war nichts. Der Griff in meine Hosentasche ging ins Leere. Keine Berührungen, kein zärtliches Streicheln von Display und Smartphone-Hülle mehr und kein sanftes Kribbeln mehr, wenn uns eine Nachricht aus der Welt da draußen erreichte. Das blaue Licht meines Lebens – es war verschwunden.

Phase 1: Das Klapp-Telefon

Schnell wurde mir klar: Ganz ohne Telefon geht es nicht. Meine Mutter überließ mir ihr altes Klapp-Telefon und ich war wieder in den 1990er Jahren. Der Bildschirm monochrom, die Tasten winzig. Kein Wischen, kein Streicheln, keine Schmeicheleinheiten mehr für mich. Egal wie oft ich aus Gewohnheit das Telefon aufklappte, das betörend blaue Androiden-Licht war verschwunden und mit ihm die Verbindung zu meiner alten Welt. Doch ich blieb hart! Nicht ich und mein verlorengegangener Gefährte sind das Problem, sondern die Welt da draußen. Und die galt es zu retten. Durch mich allein! Denn es gibt kein richtiges Leben im falschen. Also: Back to the roots.

Phase 2: Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken

Was dem Heroin-Junkie sein Methadon, das war für mich der Laptop. Sicherlich, unsere Beziehung war weniger innig, die Berührungen fahrig und doch warst du mehr und mehr mein Fenster zur Welt. Ich drohte in alte Gewohnheiten zurück und dem WWW erneut zu verfallen. Die folgende Maßnahme war so drastisch wie notwendig: Kalter Entzug. Der Laptop musste weg. Denn ich verstand, die Sucht war die gleiche, nur das Gerät ein anderes.

Allerdings musste ich noch meinen Smartphone-Vertrag kündigen. Geht das überhaupt handschriftlich? Und die Welt wollte ich ja auch noch retten! Ich musste Flugblätter und Briefe schreiben. Also legte ich mir eine neue, alte Schreibmaschine zu.

Phase 3: Vom blauen zum roten Licht der Dunkelkammer

Nach ein paar Wochen hatte ich meine Entzugserscheinungen im Griff. Ich kommunizierte nicht mehr nur via Messenger mit meinen Freunden und meiner Familie, sondern traf sie in echt. So richtig im Real Life. Das war schön. So schön, dass ich es festhalten wollte. Eine Kamera musste her. Doch ohne Laptop und Smartphone war meine alte Digitalkamera nutzlos. Worauf sollte ich mir die Fotos anschauen? Auf dem winzigen Display der Kamera? Auf meiner Schreibmaschine?

Und war analoge Fotografie mit einer Lomo (Lomographie-Filmkamera) aus sowjetischer Produktion nicht wieder total hip, vielleicht sogar Hipster? Von ihr erhoffte ich mir einen weiteren Motivationsschub – nicht nur für mich, sondern auch für die Rettung der Welt.

Phase 4: Gegen die Stimmen in meinem Kopf

Wusstest Du, dass es Spotify seit gerade mal 8 Jahren in Deutschland gibt? Es war also noch nicht einmal 8 Jahre her, dass ich all meine CDs verkauft oder verschenkt habe. Das einzige, was mir blieb, waren die Audio-Kassetten aus meiner Teenager-Zeit, inkl. dazugehörigem Walkman. In letzter Zeit hatte ich immer wieder Stimmen in meinem Kopf gehört. Das war merkwürdig. Dagegen musste ich etwas unternehmen. Meine Fortschritte bei der Rettung der Welt blieben leider recht übersichtlich. Ich war froh, mich mit Musik auf den Ohren von der Welt da draußen zurückziehen zu können.

Ich glaube sogar, ich wurde sowas wie ein Nerd. Ein Musik-Nerd. Ich besorgte mir einen Plattenspieler, las High Fidelity wie andere die Bibel und sortierte meine stetig wachsende Plattensammlung ständig aufs Neue.

Phase 5: Freiheit

Nach Monaten der Qual fand ich die Erlösung im digitalen Fasten. Ich kaufte mir eine Lava-Lampe, saß in ihrem schummrigen roten Schein, hörte Musik und streichelte dabei die Cover der Platten, die ich gerade hörte. Für unterwegs stellte ich mir eigene Mix-Tapes zusammen. Da meine Freunde mich nicht mehr anriefen und ich von ihren Wochenendplänen in der WhatsApp Gruppe nichts mehr mitbekam, hatte ich Zeit, eigene Fotoabzüge in meinem kleinen, selbst eingerichteten Fotolabor zu entwickeln. Ich hatte meine Freiheit wiedergewonnen. Die Welt konnte ich dabei jedoch nicht retten. Aber ich habe meinen Frieden mit ihr geschlossen. Manchmal schreibe ich noch Texte auf meiner Schreibmaschine und schicke sie an Freunde. Sie sagen mir, sie veröffentlichen das auf irgendeinem Blog. Aber das ist mir egal.

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