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Die Grenzen der Freiheit

In den letzten Tagen ist viel passiert, im Internet. Es gab wieder einmal eine Reihe sehr dubioser Entscheidungen, zum Beispiel die hier, oder die hier, die man auch auf diese Weise deuten kann. Es gab auch, und das ist das verbindende Element, einen offenen Brief an unseren Aufsichtsratsvorsitzenden. Mit dem Hinweis, dass wir als propagandistische Plattform benutzt würden, weil der Betreiber einer bestimmten Website einen Spreadshop bei uns eingerichtet hat. Wir wurden aufgefordert, Stellung zu beziehen und den Shop zu schließen. Ersteres haben wir getan, letzteres nicht, und wir wollen die Gründe hier näher thematisieren. Weil es hier neben einem Einzelfall generell darum geht, inwiefern wir als “Hoster” eurer Shops inhaltlich eingreifen sollen und dürfen.

Zum einen sind wir natürlich bemüht, nur legal “saubere Designs” zuzulassen, aber letztendlich ist es wie es im Impressum steht: der Betreiber ist verantwortlich dafür, was er in seinem Shop feil bietet.

Für den aktuellen Fall ist daher zunächst wichtig, dass sich der Shop und die Motive in einer Grauzone befinden, die für uns immer schwer zu bemessen ist: die Motive verstoßen nicht eindeutig gegen geltendes Recht, sind aber zumindest bedenklich angesichts Artikel5, Absatz 2 im Grundgesetz.

Drum steht in dem offenen Brief auch ein wichtiger Satz:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Spreadshirt Wert auf einen solchen Partner legt.

Um ehrlich zu sein: Nein, das tun wir nicht. Aber auf der anderen Seite sind wir eine (neutrale) Plattform für Selbstdarstellung, ein “technischer Dienstleister”, der sich inhaltlich so weit im Hintergrund hält wie möglich. Daher muss unsere Toleranzschwelle höher sein als unser persönlicher Geschmack, und daher müssen wir im (zum Glück seltenen) Einzelfall neu entscheiden, wie wir mit manchen Motiven umgehen.

Kritischer, ob wir mit manchen Shops in Verbindung gebracht werden wollen, ist daher ob wir an manchen Motiven Geld verdienen wollen.
Das diskutiert in den ganz kniffligen Fällen unser “Ethikrat” (Vertreter aus verschiedenen Abteilungen) – hier wird je nach Kontext und den o.g. Kriterien im Einzelfall entschieden. Denn wenn wir anfangen, aktiv einzugreifen – wo fängt das an, wo hören wir auf? Wo sind die Schranken der Meinungsfreiheit und wo sehen uns andere, fühlen wir uns als “Corporate Citizen” verpflichtet, Stellung zu beziehen?

Den aktuellen Fall haben wir zum Anlass genommen, uns darüber erneut Gedanken zu machen. Kurzfristig bedeutet das: Wir deaktivierten die Motive in dem Shop, die wir als diskriminierend empfanden. Den Shop an sich lassen wir offen, aus den o.g. Gründen (und weil es eine Reihe unbedenklicher Motive gab). Für die Zukunft bedeutet das: Wir werden einen Kodex erarbeiten, in dem wir festhalten, welche Art von Meinungsäußerung und Selbstverwirklichung wir als Plattform unterstützen wollen, und wo wir neben den juristischen Grenzen auch den ethischen Rahmen ziehen.
Damit das nicht über die Köpfe hinweg entworfen wird, möchten wir das zum Anlass nehmen und uns der Diskussion stellen. Wir würden gerne wissen, wie Eure Vorstellungen von uns sind: Wo zieht ihr die Grenze, wo würdet Ihr Eingriffe in alle, in einzelne Shops hinnehmen, wo notwendig erachten?

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16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tja. Ich kannte bisher nur besagte Seite und habe sie interessiert gelesen — und mich zunächst gefragt, ob es sich um Satire handelt, oder ob die Pappnasen das wirklich ernst meinen.
    Den Shop kannte ich noch nicht, und ich finde auch das Motiv ‘Islamophobic — and proud of it’ noch sehr bedenklich, man überlege sich nur, was passierte, wenn stattdessen ‘judäophob’ oder ‘negrophob’ darauf stünde. Klar, die semantischen Grenzen sind fließend…
    Bisher habe ich immer für weitgefaßte Meinungsfreiheit argumentiert (siehe Forum, was darf auf den Marktplatz etc.). Allerdings habt Ihr als Mitglied der Gesellschaft (insbesondere als Multiplikator) eine gewisse Verantwortung, wie Du richtig schreibst.
    Von mir aus soll jemand ein T-Shirt tragen, auf dem ‘islamophob’ oder was auch immer draufsteht, und dann die Konsequenzen dafür tragen. Aber ich finde, Spreadshirt sollte hier einen klaren Kurs fahren und zur Unternehmensphilosophie stehen. Bisher hatte ich nicht den Eindruck, daß Hetze gegen Religionsgemeinschaften zur Unternehmensphilosophie gehört.

    Plädoyer also für eine verantwortungsbewußte Auseinandersetzung mit den vertriebenen Motiven, und gegebenenfalls Löschung. Im Zweifelsfall auch öffentliche Diskussion.

  2. Man muss nicht alles auf ein T-Shirt drucken was einem einfällt. Alle Dinge die eine Gruppe, Religion ein Geschlecht beleidigen gehören da nicht hin, egal welche, man kann sich ja auch anders auseinander setzen.

  3. hm, ich hab ja in einem land mit überwiegend (95%) schwarzer bevölkerung ein auslandssemester gemacht.
    dort war es etwas sehr normales, auf seine hautfarbe stolz zu sein (“black and proud”, “young gifted and black”) und es wäre einem auch nicht übel genommen worden, als weißer ähnlich zu empfinden (btw: hätte mir ja fast ein “young gifted and white”-shirt gemacht, was mein mitbewohner sehr lustig gefunden hätte).
    ich persönlich finde es zwar generell etwas schwer nachvollziehbar, auf etwas stolz zu sein, das man nicht aktiv beeinflusst hat, bin aber der meinung, dass “weiß und stolz” nicht unmittelbar eine abneigung gegen andere rassen ausdrückt und somit auch keine “grenze überschreitet”.

  4. Der Zusammenhang zwischen “Hautfarbenstolz” und Gewaltbereitschaft ist nicht zwingend, da gebe ich Tobias recht. Das Problem ist hier wie so oft die Vorgeschichte.
    Deutschland hatte zwölf jahre lang in Geschichte eine sechs. Und aus genau dieser Zeit rühren verhängnisvolle Gleichungen mit den Variablen Rassestolz=Verachtung=Verfolgung. Da schrillen heute noch die Alarmglocken, selbst wenn nur eine der Variablen auftaucht. Und selbst wenn das Land Frankreich heisst.

    Außerdem: wenn jemand stolz auf seine Herkunft ist, bedeutet das doch, dass er bei einer anderen Herkunft etwas weniger Grund hätte stolz zu sein. Sonst wäre er ja immer gleich stolz und das ist unsinnig. Dieses Gefälle aber bedeutet: ich schaue auf die anderen herab. Von da ist es nicht mehr allzu weit zur sechs in Geschichte.

  5. @Michel: Dem ersten Absatz kann ich zustimmen, dem zweiten aber nicht. Außerhalb Deutschlands ist man in vielen Ländern stolz darauf, wo man herkommt, OHNE auf andere herabzuschauen. Nur in Deutschland kann man sich nicht vorstellen, dass das gehen kann. Aber hier geht es eben auch wirklich nicht, wegen der Vorgeschichte. Herkunftsstolz ist hier eine Sache von Leuten, mit denen man sich wirklich nicht gemein machen will.

  6. Pingback: Die Grenzen der Freiheit #2: Wal-Mart und das Nazi-Shirt at Spreadshirt.blogs

  7. Pingback: Ethik-Workshop mit Rezzo Schlauch at Der deutsche Spreadshirt-Blog

  8. https://hoolifanstadiumwear.spreadshirt.net/fr/FR/Shop

    Das ist ein astreiner rechtsextremer Skinheadhooligan-Shop mit eindeutiger Symbolik! Da müssen nicht einzelne Shirts entfernt werden, sondern der gesamte Shop muss geschlossen werden, da hier jedes verkaufte Shirt Rechtsextremismus finanziert. (Und selbst wenn der Betreiber des Shops keinen einzigen Cent daran verdienen würde, würdet ihr euch als diskursive Produktionsstelle für Rechtsextremismus ausweisen. Wollt ihr sowas wirklich?)

    Es kann nicht im Interesse von Leuten sein, die an Amnesty International spenden, gleichzeitig an Skinheadhools zu “spenden” (sozusagen “direkt-indirekt”), die Leute auf offener Straße oder im Stadium verprügeln oder gar totschlagen.

    Außerdem: Im Shop sind oben noch 2 weitere Internetadressen angegeben. Die eine ( http://www.hoolifan-stadium-wear.shirtcity.com )führt uns zu shirtcity, die andere ( http://www.hoolifan.skyblog.com ) auf das skyrock-blog-netzwerk. Beide Adressen sind vollkommen zurecht schon deaktiviert worden, weil shirtcity und skyrock die Problemlage wohl erkannt haben.

    Also: Schließt bitte endlich diesen Shop.

  9. sagt mal, ist es ernsthaft so schwer diesen rechtsextremen shop offline zu nehmen und offline zu halten – will sagen: konsequenterweise einfach sofort zu löschen und den user rauszuschmeißen?

    eigentlich dachte ich, dass hier schon ein gewisser intellekt versammelt wäre der es nicht notwendig macht ganz besonders breit darüber zu berichten, dass spreadshirt offenkundig rechtsextreme shops zulässt, und das trotz mehrmaliger hinweise.

    ich geb euch jetzt wirklich fair noch eine chance. wenn das ding nicht offline geht und offline bleibt respektive gelösacht wird, dann muss ich halt ganz andere öffentliche kommunikationsmittel bemühen damit dies endlich geschieht. ich schätze eure csr-bemühungen und euer engagement, aber wenn ihr diesbzgl. den unnötig unangenehmen weg wollt, dann werde ich auch diesen gehen. der kampf gegen rechtsextremismus kommt mir dann notfalls und gerne vor dem image- und geschäftsschaden, der wirklich nicht hätte sein müssen.

    danke.

  10. nur zur info: wir haben den shop bereits mehrfach geschlossen .. es scheint der typ hat mehrere accounts. ich gebs nochmal an unser legal-team.

  11. ist es bei euch so kompliziert mehrere accounts eines gleichen users einfach zu löschen? ?_?
    sieht man nicht eigentlich, dass bestimmte accounts ein und derselben person gehören?

    grüße

  12. äh, wenn du eine “echte” emailadresse eintragen würdest, könnte man das thema sogar etwas detaillierter diskutieren.
    egal .. natürlich haben wir alle shops dieses users gesperrt, aber einen account einrichten kann man ja jederzeit (wer weiss wie viele hotmail accounts er hat) und ohne dass wir erstmal groß einlasskontrolle machen.

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